In Sottrum Chance HANDWERKerIN
Organisiert wurde die Veranstaltung von der Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser gemeinsam mit Uwe Sanwald von LaufbahnBeruf. Unterstützt wurde das Projekt von der Sparkasse Rotenburg Osterholz. Acht Innungsbetriebe aus der Region waren nach Sottrum gekommen, um den Jugendlichen ihre Berufe vorzustellen und mit praxisnahen Aufgaben einen authentischen Einblick in den Berufsalltag zu geben.
Bereits im Vorfeld hatte Sanwald die Schülerinnen und Schüler auf den besonderen Tag vorbereitet. Vor allem eine Zahl sorgte dabei für Erstaunen.
„Wenn man den Jugendlichen einmal vorrechnet, welchen zeitlichen und finanziellen Aufwand die Unternehmen für einen Vormittag in der Schule betreiben, wächst die Wertschätzung für dieses Engagement deutlich“, berichtet Sanwald. Genau diese Wertschätzung sei während der gesamten Veranstaltung spürbar gewesen.
Und die Betriebe gaben das Lob gerne zurück. Übereinstimmend hoben sie die Offenheit, das Interesse und vor allem die Höflichkeit der Jugendlichen hervor. Die meisten probierten jede Station aus und kamen schnell mit den Mitarbeitenden der Unternehmen ins Gespräch.
Besonders lebhaft ging es bei den Elektronikern der Hermann Bohling GmbH zu. Dort mussten die Jugendlichen eine Schalterdose verdrahten. Während einige die Aufgabe schnell meisterten, zeigte sich ein bemerkenswerter Teamgeist: Wer fertig war, unterstützte die Mitschülerinnen und Mitschüler bei den nächsten Arbeitsschritten.
Auch beim Baugeschäft J. Holsten wurde konzentriert gearbeitet. Unter Anleitung entstand Stein für Stein ein kleiner Schornstein. Dabei fiel den Fachleuten vor allem auf, dass viele Mädchen besonders umsichtig und strukturiert an die Aufgabe herangingen.
Für reichlich Gesprächsstoff sorgte der Malerfachbetrieb Leefers. Die Schülerinnen und Schüler verwandelten durch Schleifen und Polieren einfache Platten in ein hochwertig wirkendes „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel, das am Ende jede der acht Gruppen mitnehmen durfte. Das eigentliche Highlight stand jedoch daneben: ein Exoskelett, das die Jugendlichen selbst testen konnten.
Als die ersten Schülerinnen und Schüler die technische Unterstützung anzogen, waren die überraschten Reaktionen nicht zu übersehen. Mit der Demonstration wollte Malermeister Felix Leefers zeigen, dass moderne Handwerksberufe heute deutlich stärker von Technik unterstützt werden als viele junge Menschen vermuten.
„Viele Vorstellungen vom Handwerk stammen noch aus vergangenen Generationen. Moderne Hilfsmittel sorgen längst dafür, dass körperlich belastende Tätigkeiten deutlich leichter ausgeführt werden können“, lautete die Botschaft der Handwerker.
Dass traditionelle Handwerksberufe und moderne Technik kein Widerspruch sind, zeigte auch die Tischlerei Heiko Siegmann. Dort konnten die Jugendlichen ihre eigenen Schriftzüge in Holz fräsen. Besonders beeindruckend fanden viele, dass sie die computergesteuerte Fräse selbst programmieren durften.
Wettkampfstimmung entstand dagegen bei der Cordes Holzbau GmbH & Co. KG. Mit Hammer und langen Nägeln bewaffnet versuchten die Schülerinnen und Schüler, einen Balken mit möglichst wenigen Schlägen zu bearbeiten. Schnell entwickelten sich innerhalb der Gruppen kleine Wettbewerbe, bei denen Geschick und Technik wichtiger waren als pure Kraft.
Für Juliane Hermes, Beraterin für Passgenaue Besetzung bei der Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser, ist genau diese praktische Erfahrung der Schlüssel zu einer erfolgreichen Berufsorientierung.
„Wir möchten den Jugendlichen nicht sagen, welchen Beruf sie wählen sollen. Unser Ziel ist es, ihnen möglichst viele Informationen und praktische Eindrücke zu geben. Nur wer Berufe kennt, kann am Ende eine gute Entscheidung treffen.“
Besonders wichtig ist Hermes dabei die regionale Ausrichtung des Projekts. Die Kreishandwerkerschaft lädt bewusst ausschließlich Innungsbetriebe aus dem Umfeld der jeweiligen Schule ein.
„Viele Jugendliche sind beim ersten Praktikum oder auch noch zu Beginn ihrer Ausbildung minderjährig. Deshalb ist es wichtig, dass sie die Betriebe, die sie interessieren, selbstständig erreichen können. Regionale Berufsorientierung schafft kurze Wege und erleichtert den Einstieg in das Berufsleben.“
Dass Berufsorientierung nicht immer dazu führen muss, einen Beruf zu finden, gehört für Hermes ebenfalls zum Konzept.
„Allein im Handwerk gibt es 137 Ausbildungsberufe. Wenn Jugendliche nach einer Veranstaltung feststellen, dass ein Beruf nicht zu ihnen passt, haben sie ebenfalls eine wichtige Entscheidung getroffen und kommen ihrem Ziel einen Schritt näher.“
Wie erfolgreich die Premiere an der OBS Sottrum war, zeigte sich bereits am Ende des Vormittags. Mehr als die Hälfte der rund 70 Teilnehmenden hatte zuvor noch keinen Praktikumsplatz. Sechs Schülerinnen und Schüler konnten sich während der Veranstaltung bereits einen Praktikumsplatz sichern. Weitere sieben Jugendliche nahmen die Kontaktdaten von Betrieben mit konkreten Interessen mit und wollten sich anschließend erneut melden.
Für die Organisatoren ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass persönliche Begegnungen und praktische Erfahrungen auch in Zeiten digitaler Berufsorientierung unverzichtbar bleiben. Die erste Ausgabe von „Chance HANDWERKerIN“ an der OBS Sottrum hat eindrucksvoll gezeigt, wie schnell aus Neugier echtes Interesse werden kann.

