Interview mit Kreishandwerksmeister Norbert Schmudlach Wir müssen an die Gymnasien ran

Wie ist denn die aktuelle Situation am Ausbildungsmarkt?

Norbert Schmudlach:  Im vergangenen Jahr blieben mehr als ein Drittel der Ausbildungsstellen unbesetzt – die Ausbildungslücke vergrößert sich somit von Jahr zu Jahr. Darunter leiden insbesondere kleine und mittlere Unternehmen. Denn diese Betriebe stellen die überwiegende Mehrheit der Ausbildungsplätze.

Die aktuelle Regierung will die Berufsorientierung in Schulen sowie die Jugendberufsagenturen stärken. Allerdings darf es nicht bei politischen Lippenbekenntnissen bleiben – damit die Ausbildungslücke nicht noch mehr zunimmt.

Der Bedarf an Azubis und jungen Nachwuchskräften bleibt groß. Was tun Sie selbst, um junge Menschen für das Handwerk zu begeistern?

Schmudlach:  Von Azubi-Speeddatings bis hin zu praktischen Ausbildungsmessen: Zusammen mit unseren Partnern organisieren wir als Kreishandwerkerschaft verschiedene Veranstaltungen, die das schnelle und einfache Kennenlernen von Schülerinnen und Schülern mit Ausbildungsbetrieben aus der Region zum Ziel haben.

Auf unseren Ausbildungsmessen in den Berufsbildenden Schulen und auf weiteren Veranstaltungen im Raum Elbe-Weser zeigen wir Flagge und informieren die jungen Menschen über ihre beruflichen Chancen im Handwerk.

Auch Schulabbrecher bekommen übrigens im Handwerk ihre Chance, vorausgesetzt der Wille und die Begeisterung zum Machen sind vorhanden. Schulabbrecher müssen nicht bis zum Beginn des offiziellen Ausbildungsjahres im August/September warten und die Zeit bis dahin mit Langeweile oder Gelegenheitsjobs überbrücken. Sie können jederzeit mit einer betrieblichen Berufsausbildung starten, Frühjahr oder Herbst.

Was hat es mit den Formaten „Passgenaue Besetzung“ und „Ausbildungsbotschafter“ auf sich?

Schmudlach: Im Rahmen der Initiative „Passgenaue Besetzung“ unterstützen die Handwerksinstitutionen konkret junge Menschen auf dem Weg ins Berufsleben im Handwerk. Die Betriebe helfen bei der Suche nach passenden Bewerbern, unterstützen bei der Vorbereitung auf die betriebliche Ausbildung und stehen im gesamten Ausbildungsprozess mit Rat und Tat zur Seite.

Unsere Ausbildungsbotschafterin und Beraterin Juliane Hermes in der Zevener Geschäftsstelle ist die Schnittstelle zwischen den Betrieben und den Schulen. Ausbildungsbotschafter sind jünger und oft selbst noch am Ende ihrer Azubi-Phase und können somit auch altersgerecht sozusagen „auf Augenhöhe“ mit den jungen Menschen über ihre eigene Ausbildung reden.  

Juliane Hermes ist auf Berufsfindungsmessen vor Ort, hält den Kontakt mit den Lehrerinnen und Lehrern, kennt freie Ausbildungsplätze und vermittelt passende Jugendliche direkt an unsere Betriebe. Auch Schnupperpraktika für Schülerinnen und Schüler können so vermittelt werden.

Das sind eine Vielzahl an Kommunikationswegen, was fehlt Ihnen trotz allem im Austausch mit der Jugend?

Schmudlach: Unsere Tätigkeit wird immer anspruchsvoller, je nach Gewerk ist da z.B. an technischem Wissen schon einiges gefordert. Wir brauchen also in Zukunft noch vielmehr ‚schlaue Köpfe‘, die etwas voranbringen wollen. Konkret , wir müssen bspw. viel stärker an die Gymnasien ran. Die beruflichen Chancen in Handwerksbetrieben sind groß, dass muss immer wieder kommuniziert werden. Gute Beispiel aus unserer Region gibt es etliche – ob drei Abiturienten als Azubis in der Haustechnik aus Sittensen, oder der akademische Quereinsteiger im Elektrohandwerk in Cuxhaven. 

Müssen Betriebe mehr Azubimarketing betreiben?

Schmudlach: In Zeiten zurückgehender Schülerzahlen und einer wachsenden Studierneigung gilt auch für den Ausbildungsmarkt: Derjenige hat die Nase vorn, der den Jugendlichen ein überzeugendes Angebot macht. Sie wollen umworben werden wie Kunden auf den Absatzmärkten. Jugendliche suchen eine ‚Traumausbildung‘ bei ihrem Wunscharbeitgeber. Dieser Wunsch-Ausbildungsbetrieb sollten Sie sein.

Was halten Sie vom Portal „Handwerk macht Schule“? 

Schmudlach: Ausgerichtet an den aktuellen Lehr- und Bildungsplänen, zeigt  das Portal ‚Handwerk macht Schule‘ mit alltagsnahen und lebensweltorientierten Fragen die breite Themenvielfalt, die das Handwerk bietet. Dabei geht es um mehr als um Mörtel, Malerpinsel, Mehl oder Maulschlüssel. Es geht um Zukunft, Innovationen und Nachhaltigkeit. Kurzum, hier wird verdeutlicht, dass das Handwerk Tradition und Innovation auf besondere Weise miteinander verbindet. Damit können Schülerinnen und Schüler aller Schulstufen für die Themen des Handwerks begeistert werden.

Zugleich können sich Lehrerinnen und Lehrer über das Portal neueste Unterrichtsmaterialen und kostenfreie Lehr- und Lernmaterialien besorgen, die unmittelbar und rechtssicher im Unterricht und in Vertretungsstunden eingesetzt werden können. Neue Materialien kommen stetig hinzu. Mehr Information gibt‘s unter: https://www.handwerk-macht-schule.de

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