Ein praktisches Beispiel der Betriebsnachfolge Neu-Inhaber Benjamin Grimm im Interview
Worauf kommt es am meisten an, wenn die geplante Übernahme gelingen soll?
Benjamin Grimm: Die Vorbereitung einer Betriebsübergabe sollte möglichst frühzeitig beginnen: Neben den rechtlichen und finanziellen Aspekten muss die persönliche Ebene zwischen Betriebsinhaber und Nachfolger stimmen, wenn das ‚Lebenswerk‘ übertragen wird. Bis dahin ist es meist ein längerer Weg. In meinem Fall hat mich Diedrich Höyns noch vor Corona angesprochen, ob ich Interesse an einer Übernahme habe, da er altersbedingt aufhören möchte.
Wie lief es dann praktisch ab?
Grimm: Ich war natürlich erstmal gechmeichelt. Doch dann gilt es, nüchtern abzuwägen. Ich habe etwa ein Jahr gebraucht, viel im Freundes- und Bekanntenkreis und meiner Verwandtschaft um Rat nachgefragt. In dem Moment, wo mein Ja feststand, habe ich dann zügig alle nötigen Voraussetzungen geschaffen. Das heißt zunächst über zwei Jahre jedes Wochenende neben der Arbeit als KFZ-Mechaniker den Meisterbrief in Stade machen. Die größte Hürde war letztlich das Gespräch mit den Banken, die entsprechenden Sicherheiten verlangen. Mit Anfang 30 gar nicht so einfach.
Nicht nur menschlich muss es passen, auch Rechtssicherheit ist entscheidend?
Grimm: Ja klar, wie beschrieben ist die menschliche persönliche Ebene mit dem Übergeber ist entscheidend. Mein Glück war und ist, dass ich im Betrieb bereits gelernt habe und bei Höyns schon etwa 20 Jahre arbeite – somit den Laden, das Team und meinen Chef sehr lange kenne. Ich denke, dass ist immer eine solide Basis. Übrigens stellen wir in 2026 einen zweiten Azubi ein, der bei uns schon als Praktikant war. Die rechtlichen Dinge müssen außerdem geregelt werden.
So kann man auf einen festen Kundenstamm zurückgreifen. Da zwei KFZ-Betriebe in Sittensen in jüngster Zeit geschlossen haben, sind die Anfragen nach einer freien Autowerkstatt noch gestiegen.
Für den Betrieb haben wir eine Abstandszahlung – nach zwei Schätzungen der Handwerkskammer BLS, einmal vor und einmal nach Corona – vereinbart. Das große Betriebsgelände, im Eigentum von Diedrich Höyns und Familie, ist von mir gepachtet.
Was sind die Vorteile als Firmeninhaber?
Grimm: Man fängt nicht bei Null an. Die Belegschaft steht, die Maschinen sind da, es gibt einen festen Kundenstamm. Statt einen Betrieb ganz neu aufbauen zu müssen, kann man auf einem bewährten Fundament den bestehenden Betrieb mit neuen Geschäftsideen und Technologien weiterentwickeln.
Außer mir gibt es noch vier Gesellen, ein Lehrling, einen Lageristen und eine Schreibkraft. Als Glücksfall hat sich herausgestellt, dass der Altinhaber noch eine Weile beratend zur Seite steht, aber nicht mehr selbst der Chef ist. Denn zugegeben ist die kaufmännische Praxis für Übernehmer zunächst eine Menge Neuland.
Was würden Sie sich generell beim Thema Nachfolge im Handwerk wünschen?
Grimm: Ganz konkret: Nötig ist eine wohl eine positive gesellschaftliche Wertschätzung von Selbstständigkeit und Unternehmertum. Gerade das Handwerk als typisch klein- und mittelständische Branche ist zusammen genommen einer der größten Arbeitgeber. Nur wenn Selbstständigkeit und Betriebsleitung als attraktive Karriereoptionen erscheinen, werden sich auch wieder mehr dafür entscheiden – auch mehr Frauen.
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Die Herausforderungen und Besonderheiten einer Unternehmensnachfolge sind stets individuell und lassen sich nicht durch ein Standardverfahren abwickeln.


